Ein Blick auf Zahlen und Statistiken hilft manchmal, sich eigentlich offensichtliche Entwicklungen deutlich vor Augen zu führen. Das dachte sich wohl André Staltz, der aktuelle Übersichten und Zahlen in einem Blogbeitrag zusammenholt: „The Web began dying in 2014, here’s how“. Er beleuchtet die Entwicklung der wichtigen Plattformen im Netz innerhalb der letzten paar Jahre: Google als der Wissenskonzern, Facebook als die soziale Plattform, Amazon als die Handelsdrehscheibe und der Cloud-Anbieter. Und er spart dabei nicht an Kritik zur aggressiven Ausdehnung der drei großen Tech-Konzerne.
Bei Alphabet Inc., wie der Google-Mutterkonzern inzwischen heißt, hat 2014 eine aufschlussreiche Neuorientierung begonnen. Sie läuft unter dem Schlagwort „From Search to Suggest“ (Ex-Google-Chef Eric Schmidt), also von der Suche der Nutzer hin zu Vorschlägen an die Nutzer. Dabei bedeutsam sind nicht nur die Investitionen in Künstliche Intelligenz, sondern auch die Fokussierung auf Dienste jenseits des Web. Dadurch verfällt zugleich die lange verbreitete Kultur, die Kontrolle über die eigenen Inhalte, die man teilen möchte, und die Hoheit über die dafür nötige Infrastruktur zu behalten.
Das Web wird vielleicht untergehen
Seit den 1990er Jahren bis etwa 2010 sei das Web noch eine gewissermaßen amorphe Nicht-Plattform gewesen, schreibt Staltz, vielfältig und voller geschäftlicher Möglichkeiten:
The Web’s diversity has granted space for multiple businesses to innovate and thrive, independent hobbyist communities to grow, and personal sites to be hosted on whatever physical servers can host them. The internet’s infrastructural diversity is directly tied to the success of diverse Web businesses and communities.
(Die Mannigfaltigkeit des Web bot vielschichtigen innovativen Geschäftsideen und unabhängigen Hobbyisten-Gruppen Platz sowie persönlichen Seiten, die auf beliebigen physischen Servern gehostet wurden. Die Vielfalt der Infrastruktur des Internet ist mit dem Erfolg verschiedenartiger Web-Unternehmen und ‑Communities direkt verbunden.)
Diese Struktur hat sich in den folgenden Jahren nachhaltig verändert: die Expansion von Google, Facebook und Amazon. Die Dienste der drei Netzgiganten breiten sich aus und lösen sich dabei von der exklusiven Nutzung im Browser, so dass Staltz den Untergang des Web in der heute typischen Form kommen sieht:
The Web may die like most other technologies do: simply by becoming less attractive than newer technologies.
(Das Web wird vielleicht untergehen, wie die meisten anderen Technologien auch: Einfach weil es weniger attraktiv als neuere Technologien wird.)

Ähnlich beschrieb das bereits Tim Berners-Lee, der Erfinder des Web. Das, was dem Web folgen könnte, nennt André Staltz das „Trinet“. Über den Begriff kann man sicher streiten, auch weil er eine US-zentrische Sicht zeigt. Aber das Phänomen, das der Hacker und Programmierer beschreibt, macht er an Zahlen sichtbar. Im Gegensatz dazu, wie wir heute Web-basierte Software nutzen, sind im „Trinet“ die Daten in den Clouds der Tech-Konzerne gespeichert und Browser immer weniger wichtig. Dazu kommen die verbreiteten mobilen Apps der drei großen Konzerne, bei denen typischerweise Nutzungsbedingungen zugestimmt werden muss, die Freiheiten einschränken. Verloren geht dabei die praktische Unabhängigkeit von den Plattformen, die das Web heute nur noch teilweise prägt.
Allein bei Facebook 1,3 Milliarden weltweite Nutzer

Schon im Jahr 2008 hatte Facebook die damals sehr beliebte und von 117 Millionen Nutzern frequentierte Plattform MySpace überholt. Facebook gibt heute an, etwa 1,3 Milliarden weltweite Nutzer zu haben, die täglich aktiv sind. In den Vereinigten Staaten, dem Land mit der zweitgrößten Nutzerschaft, liegt die sogenannte Penetrationsrate monatlich aktiver Nutzer längst bei über der Hälfte der Bevölkerung und soll nach Prognosen bis zum Jahr 2022 auf etwa zwei Drittel anwachsen.

Von allen Nutzern sind zwei Drittel derjenigen, die mindestens einmal im Monat Aktivitäten zeigen, auch jeden Tag beim Werbekonzern ihres Vertrauens aktiv. Dabei kleben viele dieser Nutzer an der Plattform: Ungefähr ein Drittel der Klicks auf Links bleibt schon innerhalb der Facebook-Welt bei den sogenannten „Instant Articles“. Facebook, Google und Netflix zusammen machen in einigen Netzwerken siebzig Prozent des Datenverkehrs aus, wie die Messungen für den Global Internet Phenomena Report von sandvine im Jahr 2016 in Nord- und Südamerika ergaben.
Aber all die Aktivitäten der Nutzer laufen damit nicht notwendigerweise über das Web. Dienste lösen sich vom Web und seinen Websites und auch vom Browser.
Das Internet wird dabei mehr und mehr zum Transportmedium von den Clouds des „Trinet“ zu den Smartphones der registrierten Nutzer. Zugleich nimmt die mobile Nutzung der Netze weiterhin zu, sie lag im August 2017 weltweit bei knapp über fünfzig Prozent des Datenverkehrs. Typische Web-Dienste spielen dabei keine bedeutsame Rolle mehr. Google und Facebook zusammen dominieren bereits um die siebzig Prozent des Datenverkehrs in Nordamerika. Parallel treten Initiativen wie „Free Basics“ hinzu, die vordergründig Internet versprechen, aber nur einen kleinen, von den Konzernen vorausgewählten Ausschnitt liefern.
